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Sterbender Minotaurus
(1987, Höhe 220 cm)

Anatomie der
Phantasie
(Höhe 220 cm, 1987)

Die Gedanken
bleiben frei
(30x30x30 cm, 1985)
Tumor - psychoorganisches
Syndrom
nach Prof. E. Bleuler, (1984, 33x33x45cm)
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Ein Ereignis
vor genau 450 Jahren bildet den histotischen Hintergrund und äußeren
Anlaß der Ausstellung "Fleischlos - Anatomische Skulpturen" von Louis
Constantin: 1543 brachte der in Padua lehrende, aus Brüssel stammende
Arzt und Anatom Andreas Vesal (1514-1564) in Basel ein Werk heraus, das
die Medizin revolutionieren sollte: "De humani corporis fabrica libri
septem". In sieben Abhandlungen dokumentierte und kommentierte er seine
Sektionsbefunde und interpretierte die Funktion der einzelnen Strukturen
und Organe dieser sinnvoll eingerichteten "Werkstatt" des menschlichen
Körpers. Für die Illustration hatte er einen Tizian-Schüler gewinnen können,
Johann Stephan von Kalkar, der in seinen Holzschnitten naturgetreue Wiedergabe
mit bestechender künstlerischer Ausdruckskraft so verband, dass ein wissenschaftlich
wie ästhetisch einmaliges Meisterwerk entstand. Vesals anatomische Lehrmethode
verhalf der jungen Wissenschaft in den folgenden Jahrhunderten zu einer
rasanten Entwicklung. Sein klassisches Werk wurde vielfach kopiert, modifiziert
und "abgekupfert" und blieb doch bis in das 18. Jahrhundert unerreicht.
Daher verwandte auch der Ingolstädter Anatom Heinrich Palmaz von Leveling
(1742-1798) für sein 1781 nach dem neuesten anatomischen Wissensstand
verfasstes Lehrbuch zur Illustration die Originalholzstücke Vesals. Die
Ingolstädter Ausgabe war so begehrt, dass 1783 eine zweite folgte.
Die Anatomie war zur medizinischen Königswissenschaft geworden, der man
eigene Residenzen baute: das "Theatrum anatomicum", der anatomische Hörsaal
mit einer Präparate-Sammlung gehörte seit dem 16. Jahrhundert zur Ausstattung
der medizinischen Fakultät an allen größeren Universitäten. Die in Padua
und Leiden errichteten anatomischen Theater waren meist das Vorbild, makabre
Welttheater, die der Wissensvermittlung und Selbsterkenntnis gleichermaßen
dienten. Die ersten Sammlungen enthielten fast ausschließlich Skelette,
die Reduktion der Lebewesen auf das Typische ihres Körperbaus. Sie waren
auf den Rängen des anatomischen Hörsaals z.B. in Leiden, Oxford und Altdorf
so arrangiert, dass sie zu Statisten der moralisierenden Szenerie einer
an die Vanitas alles Irdischen mahnenden Weltbühne wurden. Flankiert von
Skeletten, die Fahnen mit Devisen wie "memento mori", "homo bulla" (der
Mensch ist eine Seifenblase), "pulvis et umbra sumus" (wir sind Staub
und Schatten) tragen, wird beispielsweise in Leiden eine filigrane, makabre
Antithese des Paradieses dargestellt — Adam und Eva in einer ebenfalls
skelettierten Menagerie — den Lebenden eine Metapher ihrer eigenen Vergänglichkeit.
Montierte Skelette und graphische Abbildungen, so naturnah sie auch gelungen
sein mochten, befriedigten indes das Anschauungsbedürfnis kaum. Deshalb
versuchten sowohl Anatomen als auch Künstler, Originalpräparate und dreidimensionale
Darstellungen zu schaffen. Durch Trocknungs- Imprägnierungs- und Injektionsverfahren
gelang es, das leicht vergängliche organische Material zu konservieren.
Auch im Anatomiegebäude der Universität Ingolstadt, heute Deutsches Medizinhistorisches
Museum, befand sich eine umfangreiche Präparate-Sammlung, die allerdings
nach der Universitätsverlegung untergegangen ist.
Den Höhepunkt der barocken Präparierkunst bildeten die zu anatomischen
Stilleben und makabren Szenerien arrangierten Präparate des Niederländers
Fredenk Ruysch (1638-1731). Zar Peter 1. war davon so fasziniert, dass
er Ruyschs Sammlung für seine Kunstkammer in St. Petersburg erwarb.
Daneben begann man, die aus der religiösen Wachsbildnerei bekannten Techniken
zu nutzen, um Abgüsse und naturnahe Nachbildungen zu schaffen; schon Leonardo
da Vinci hatte mit dem Wachsabguss eines Herzens experimentiert. Die Meisterwerke
italienischer Wachsbossierer, wie sie das 1755 gegründete Museum "La Spècola"
in Florenz zeigt, wirkten überaus inspirierend auf die anatomische Lehrmittelgestaltung.
Aber auch medizinische Laien waren von den frappierend naturgetreuen und
gleichwohl künstlerisch überhöhten Gebilden fasziniert. Nach dem Besuch
des Florentiner Museums im Jahr 1785 erwarb Kaiser Joseph II. eine spektakuläre
Lehrsammlung von über 1000 Wachsnachbildungen anatomischer Injektionspräparate
und lebensgroßer Sektionsbefunde aus der Werkstatt der Anatomen Felice
Fontana (1720-1805) und Paolo Mascagni (1752-18 15) in Florenz.
Sie bildeten ein künstlerisch faszinierendes, hochästhetisches medizinisches
Unterrichtsmaterial. Dieses kostbare Fürstengeschenk an die Wiener Chirurgenakademie
"Josephinum" zieht den Betrachter auch heute noch in den Bann.
Die Symbiose von wissenschaftlichen, moralischen und ästhetischen Komponenten,
typisch für die universale barocke Betrachtungsweise, tritt im 19. Jahrhundert
allmählich in den Hintergrund; das medizinische Lehrmittel wird zunehmend
naturalistisch nüchtern oder schematisch lebensfern. Nasspräparate dominieren
in den Spezialsammlungen der Pathologen und Anatomen, kunstvoll bemalte
und retouchierte Trockenpräparate verschwinden fast gänzlich.
Es sollte Künstlern vorbehalten bleiben, die von der Medizin verstoßenen
oder vergessenen Objekte wieder zu entdecken und schöpferisch zu beleben.
Schon Giacomo Leopardi (1798-1837) ließ sich von den makabren Schöpfungen
in St. Petersburg zu einem "Dialog zwischen Friedrich Ruysch und seinen
Mumien" inspirieren, der in der Frage gipfelt: "Was ist der Tod, wenn
er nicht Schmerz ist?" Darauf der Tote : "Am ehesten ein Lustgefühl."
Auch für Louis Constantin gaben Präparate in Naturkundemuseen und die
Wachsmodelle von Florenz und Wien entscheidende Impulse für die Entwicklung
neuer Gestaltungsmittel und künstlerischer Ausdrucksformen. Die Ergebnisse
seiner daraus erwachsenen Arbeiten einer zehnjährigen Schaffensperiode
zeigt die aktuelle Ausstellung: Aus "naturalia" und "artifloilia" bestehendes
Material verschmilzt bei Constantin zu artifiziellen "curiosa", die Erstaunen,
Schauder, Bewunderung und Nachdenklichkeit hervorrufen. In Ingolstadts
"alter Anatomie" lässt Constantin damit Reminiszenzen an die versunkenen
Kunst- und Wunderkammern lebendig werden.
Ein Fundus von Seltsamkeiten, den Constantin in vielen Jahren sammlerischer
Tätigkeit mit medizinischen Lehrmitteln und Strandgut von Relikten abgestorbener
Lebewesen zusammentrug, bildet den Grundstock seines gestalterischen Spiels,
in dessen Mittelpunkt unser Zentralorgan, das Gehirn, steht. Mancher Betrachter
mag sich von den dabei entstandenen Collagen und Montagen abgestoßen fühlen,
auch befremdet sein über die Verwendung originaler Teile des menschlichen
Skeletts. Selbst Anatomen sahen sich immer wieder Einwänden gegenüber,
Originalpräparate aufzubewahren: Der Nürnberger Arzt und Anatom Christoph
Jacob Trew (1695-1769) verteidigte 1728 die Ausstellung menschlicher Präparate
in anatomischen Sammlungen gegen den Vorwurf der Pietätlosigkeit damit,
dass "diese Theile nicht zur Verachtung des elenden Zustandes des Menschen
nach dem Tode, sondern vielmehr zur täglichen Bewunderung seiner unvergleichlichen
Structur und zum Preiße des unermaßlichen Schöpfers dargestellt
werden. (sic)"
Sollte es darum nicht auch einem Künstler zugestanden werden, den Selbsterkenntnisprozess
des Menschen durch die Konfrontation mit seiner "Letzten Nacktheit" zu
fördern? Das Filigran des Skeletts ist hier sowohl Todessymbol als auch
Bestandteil des Überlebenskunstwerks einer "psychogenen Anatomie", die
Befreiung aus der materiellen Struktur sucht. Das metaphorische Element
anatomischer Präparate, das auch die Objekte in der ständigen Ausstellung
des Museums enthalten, findet sich bei Constantin auf einer Metaebene
ekstatisch gesteigert. Er seziert keine leiblichen Organe, sondern seelische
Vorgänge, vermittelt nicht medizinisches Wissen, sondern weckt Gefühle
und Assoziationen.
Mit bestechender Könnerschaft und Perfektion schafft der Künstler — ein
homo ludens — seine neue Natur, die in ihren exzentrisch-skurillen Ausprägungen
durchaus an die barocke Tradition anatomischer Inszenierungen anknüpft.
Auch inhaltlich greift er Themen auf, die in der Kunst der Barockzeit
besondere Bedeutung besaßen: Mythologische Anspielungen, etwa im "sterbenden
Minotaurus", des gefürchteten Ungeheuers, halb Mensch, halb Stier, den
Theseus, von Ariadnes Faden geleitet, im Labyrinth des Minos tötete. Dass
Constantin aber nicht den siegreichen Helden, sondern dessen Opfer darstellt,
das im wörtlichen Sinn die Phantasie beflügelt, ist typisch für seine
assoziative Betrachtungsweise. Auch das Vanitas-Motiv, wie es besonders
eindrucksvoll in der Goldhelm-Skulptur "Allegorie der Eitelkeit" aufscheint,
steht in der Tradition der barocken Emblematik.
Zitate zweier Werke der bildenden Kunst, die für den modernen Menschen
paradigmatischen Charakter besitzen, begegnen uns in den Arbeiten "Anatomie
der Phantasie", einer Adaptation des "Denkers" von Auguste Rodin (1840-1917)
und "Der Schrei", einem psychogenen anatomischen Modell, Reminiszenz an
das gleichnamige Gemälde von Edvard Munch (1863-1944).
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